Worte eines ukrainischen Linken an die Bremer Linkspartei

Redebeitrag eines ukrainischen Genossen auf der Landesmitgliederversammlung der Partei Die Linke Bremen am 14. März 2026

Für einen gerechten und stabilen Frieden 

Guten Tag, liebe Genossen und Genossinnen, 
ich freue mich, einen Beitrag bei dieser Versammlung zu leisten. Ich heiße Bohdan, ich komme aus der Ukraine, wo ich von 2013 bis 2019 als linker Student aktiv war. Ich vertrete deswegen heute zwei Perspektiven: ich spreche als ein Ukrainer und als ein osteuropäischer Linker.

Mehr als vier Jahre tobt der brutale russische Angriffskrieg in der Ukraine. Seit mehr als 12 Jahren missachtet eine imperialistische Macht die ukrainischen Grenzen, das universelle Völkerrecht, tötet und foltert Hundertausende Menschen. Seit mehr als einem Dutzend Jahren bleibt Europa verwirrt, langsam, leise und sogar mitschuldig indem es an Russland weiterhin Geld zahlt. Und zwar ganz rückständig im Verständnis der Ereignisse befindet sich die Mehrheit der europäischen Linken – die Kraft, die normalerweise kreative und progressive Auswege aus den Krisen vorschlagen sollte.

In Europa hören die Ukrainer:innen ausreichend über die Solidarität. Aber die Solidarität ist etwas, was nicht deklariert, sondern ausgeübt werden soll. Ansonsten ist es einfach Floskel. In der Ukraine sind selbst die linken Aktivisten, die sich Pazifisten nennen, ab 2022 als Freiwillige an die Frontlinie gezogen. In dem Willen, in Frieden zu leben, sind ukrainische Gesellschaft und ukrainische Regierung trotz aller Streitigkeiten einig. Wir sind mal alle Pazifisten.

Nach so einer langen Zeit des Krieges gegen Russland haben wir schon genug Information, was funktioniert – und was nicht.

Wollten manche die Waffenlieferungen für die Ukraine einstellen, haben es die USA schon ausprobiert. Einmal vorübergehend im Winter 2023/2024 und nochmal letztes Jahr, komplett und konsequent, mit gleichzeitiger Russlandannäherung. In beiden Fällen haben die Zivilopfer und die Zerstörung in der Ukraine unmittelbar zugenommen.

Wurden mehr diplomatische Gespräche mit dem Aggressor und Erpressung der Ukraine gefordert, haben die Amerikaner auch das probiert. Wieder: während jedes Treffens zwischen ukrainischen und russischen Abgeordneten bekamen ukrainische Städte noch mehr Zerstörung von russischen Raketen und Drohnen, und bei den Gesprächen selbst forderte Russland, noch nicht von ihnen kontrollierte Gebiete unter die Okkupation abzutreten, anstatt Kompromisse einzugehen. 

Es wird oft darüber gesprochen, dass die NATO der eigentliche Aggressor ist, und dass der ganze Konflikt von der NATO-Osterweiterung provoziert wurde. Und Deutschland darf dann nicht daran teilnehmen. Es geht für die ukrainische Gesellschaft in diesem Krieg nicht um den NATO-Beitritt, sondern ums Überleben. Selbst die ukrainischen Analytiker:innen stellen es infrage, ob NATO-Staaten eigentlich bereit sind, die Ukraine aktiv zu verteidigen. Nach der ganzen zögerlichen Hilfe, nach 12 Jahren der Beitrittsabsagen, nach den stillen Antworten auf die russischen Angriffe auf NATO- und EU-Gebiete, ist es wirklich fragwürdig. Wir dürfen als Linke die NATO kritisieren, wir müssen es sogar machen. Sie darf sogar aufgelöst werden. Das stellt aber nur neue Fragen. Wie sieht dann die Selbstverteidigung gegen Aggression in Europa aus, wenn sie nicht mehr delegiert werden kann? Das ist die Frage, auf die die Linken heute endlich eine Antwort finden müssen. Für die Ukrainer:innen lautet die Antwort heutzutage: nur eine starke ukrainische Armee. Für die sozialdemokratischen und ökosozialistischen Genoss:innen in Dänemark oder Schweden klingt es ähnlich: eigene Armee, neue solidarische Bündnisse und stabile Unterstützung für den ukrainischen Widerstand. Wie klingt es für Euch?

Es ist sehr wichtig, dass wir heute hier internationale Friedensorganisationen besprechen. Ukrainer:innen, genau wie die anderen von Krieg betroffenen Völker, sind schon längst skeptisch gegenüber jeder Art internationaler Organisationen, Sicherheits- und Friedensversprechen. Und das ist ein Problem. Als Linke sind wir verpflichtet, Vertrauen in die UNO und andere Friedensinitiativen zurückzubringen, indem wir sie ermöglichen, Aggressionen tatsächlich zu beenden und zu bestrafen.

Bohdan Mamchur, Ukrainische Linke Initiative 

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